Mal etwas ganz anderes an dieser Stelle für euch: Meine liebe Kollegin Jana war unterwegs in Neuengamme und möchte euch an dieser Stelle ihre Erfahrungen mit euch teilen:
Haben wir es nicht langsam satt? Dieses Gerede von „ewiger Verantwortung“, die uns zugewiesene, Generationen übergreifende Schuld an einem Verbrechen, das wir nicht begangen haben? Manchmal habe ich den Eindruck, wir sind der von Sühne durchzogenen Gedenktage überdrüssig. Wollen endlich aus dem langem Schatten des Nationalsozialismus heraustreten. Für eine Generation fernab des Holocaust einstehen. Ohne den beschämenden Fingerzeig.
Doch ich denke, so notwendig und gleichzeitig bestürzend das alljährliche Niederlegen von Kränzen an Mahnmalen sein mag, so wenig werden uns die positiven Chancen aufgezeigt, die solche Begegnungen bergen. Es sind nicht einmal weite Reisen nötig, um sich dessen bewusst zu werden.
Eine Stunde Zugfahrt von meiner Haustür entfernt befindet sich das ehemalige Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg, das ich kürzlich bereits zum zweiten Mal besucht habe. Ein Anlass, um Bilder, Erzählungen und Menschen Revue passieren zu lassen.
Es ist ein Tag wie aus dem Bilderbuch, um an diesen Ort zu reisen. Der Nebel steht hoch über den einsamen Feldern außerhalb der Stadt,
umrahmt von den grauen Silhouetten der Bäume, die im Angesicht des Bevorstehenden wie erstarrt scheinen. Eine beschauliche Idylle liegt mir zu Füßen, ein Kleinod bestehend aus Reetdachhäusern, Behaglichkeit und suburbanem Frieden, um das der Tod eigentlich einen weiten Bogen machen müsste. Das letzte Mal, als ich die Gedenkstätte des Konzentrationslagers besuchte, schien noch die Sonne des Spätsommers vom Himmel hinab, durchdrang die reifende Ernte auf den Äckern der Landwirte und wärmte die weitlaufende Ebene eines Ortes, an dem über 40.000 Menschen qualvoll verendeten. Im höchsten Maße Kriminelle, wie die offizielle Antwort lautete, sobald einer der im Umkreis lebenden Bauern aus Neugier fragte.
Doch meistens fragte niemand.
Das Konzentrationslager bei Hamburg war ursprünglich ein reines Arbeitslager mit ausschließlich männlichen Insassen. Die Pläne der Nationalsozialisten sahen es vor, Hamburgs Stadtbild von Grund auf neu zu gestalten, eine Fassade mit denen für Norddeutschland typischen roten Ziegelsteinen. Jene wurden im Arbeitslager von den Häftlingen produziert, von der Lehmförderung bis hin zum Brennen der Ziegelsteine. Durchschnittliche Überlebensdauer eines Häftlings in der Lehmkuhle: 90 Tage.
Ich muss zugeben, überrascht gewesen zu sein, als ich zum ersten Mal die Räumlichkeiten der Gedenkstätte betrat. Die Wände der gesamten Innenräume erstrahlen in einem blütenreinen Weiß, während die zahlreichen Fenster die Säle mit Licht durchfluten. Kaum vorstellbar, dass einst 250 Menschen in einem knapp bemessenen Saal nächtigten. Fünf Mann á 50 Kilo in einem mit Stroh gepolsterten Bett, das kaum breiter als einen knappen Meter ist. Starb einer von ihnen während der Nacht, so musste auf das Leichenkommando am frühen Morgen gewartet werden, das die Toten bei seinem täglichen Rundgang beseitigte. Ich stelle mir vor, welch abscheulicher Gestank über dem Gebiet liegen musste, sobald die Leichen im Krematorium am anderen Ende des Lagers verbrannt wurden. Ein letzter Moment der Existenz, bevor von ihnen nichts weiter als Rauch und Asche blieb. Asche, die in den lagereigenen Gärtnereien als Kompost verwendet wurde, um die Teller derer zu füllen, die sie zu Tode gequält hatten.
Die Verpflegung der Gefangenen war nicht einmal solch einer Bezeichnung würdig, da sie hauptsächlich aus (heißem) Wasser, einer kleinen Menge rohem, meist schlecht gewordenem Gemüse sowie Brot bestand, dessen Mehl mit wachsender Anzahl der Insassen mit Sägespänen oder Sand gestreckt und kaum gebacken wurde. Bei meinem Rundgang durch die Ausstellung stoße ich auf ein erhaltenes Stück Arbeitskleidung, dem „Zebra“, wie es die Menschen aufgrund seiner Streifen nannten. Ehrlich gesagt frage ich mich jedes Mal, wer das hinter dem Glas liegende Hemd wohl als letztes getragen hat. Es ist so dünn, dass unsereins es nicht einmal im Winter als Schlafanzug nutzen würde. Jedem Gefangenen stand exakt ein Exemplar zur Verfügung, das für jede Jahreszeit herhalten musste und nie gewaschen wurde. Ein Überleben von drei Monaten grenzt für mich an ein Wunder.
Trotz der düsteren Stimmung, die selbst von der hellen Wandfarbe der Säle nicht ganz vertrieben werden kann, habe ich einen Lieblingsraum in der Gedenkstätte: Der sogenannte „Raum der Biographien“ im ersten
Stock des Gebäudes. Die Lebensgeschichte einiger Insassen wird dort in ausliegenden Büchern erzählt, auf deren Deckeln meist ein Foto der jeweiligen Person abgebildet ist. Bei meinem Gang durch das Gebäude sehe ich oft Schüler in kleinen Gruppen über den Büchern brüten, um die Geschichte eines einzelnen Menschen zu erfahren, der gemeinsam mit Tausenden anderen die letzte Zeit seines Lebens im Konzentrationslager verbrachte. Ein wichtiges Puzzleteil innerhalb der Aufarbeitung der Kriegsgeschichte: Namen, so sagt mir ein Museumsmitarbeiter, Namen seien wichtiger als Gold, da kaum Aufzeichnungen existierten, die den Toten eine Identität verliehen. Bei Restaurierungsarbeiten wurde vor einigen Jahren eine versteckte Pergamentrolle mit 300 Namen
zwischen den Dachbalken gefunden. Wer womöglich sein Leben aufs Spiel gesetzt hat und das Dokument jahrelang versteckt hielt, konnte bis heute nicht nachvollzogen werden. Jene Namen wurden den insgesamt 47 Bannern im „Raum des Gedenkens“ hinzugefügt, die dicht an dicht beschrieben von den hohen Decken hinab hängen. 20.000 Namen fehlen noch. Ob sie jemals herausgefunden werden, ist ungewiss.
Nach dem Aufenthalt in der Ausstellung werden die Besucher für gewöhnlich in das Gelände geführt, das sich über 500.000 Quadratkilometer erstreckt. „Spookey“, murmelt neben mir ein junger Mann mit starkem Akzent. Vermutlich beschreibt dieses Wort den Anblick sehr treffend. Der Boden unter unseren Füßen ist gefroren, die Wiesen von dem Raureif anhaltender Kälte benetzt und der Wind so eisig, dass man trotz Handschuhe seine Finger bald nicht mehr spürt. Am Rande des Geländes steht das einzig einladend aussehende Haus weit und breit. Hier lebte einst der oberste SS-Offizier mit seiner Familie, bestehend aus einer Ehefrau und fünf Söhnen, die während des Sommers im Garten spielten, im Hintergrund die Lehmkuhle, in der die Insassen ihrer Zwangsarbeit nachkamen. Uns wird berichtet, dass dieser Mann nach Kriegsende zum Tode verurteilt wurde. Im Gnadengesuch seiner Frau steht, dass er stets ein treuer und fürsorglicher Familienvater gewesen sei und aufgrund dessen den Tod nicht verdient habe. Die Rede ist von demselben Mann, der eines Nachts in den Wirrungen des Krieges die Köpfe drei kleiner Kinder im Konzentrationslager in Schlaufen hing und ihre Körper an den Füßen nach unten zog, da ihr eigenes Körpergewicht nicht mehr ausreichte, um von der Schlinge erwürgt zu werden.
Ihr Gesuch wurde abgelehnt.
Unser letzter Besuch auf dem Gelände gilt der Ziegel-Brennerei. Ein unter den Gefangenen „beliebter“ Ort, da er Arbeit unter dem Schutz eines Dachs
bedeutete. Als Raum von beachtlicher Größe dient ein Gebäudeflügel heutzutage als Veranstaltungssaal für Konzerte. Es ist ein merkwürdiger Gedanke, sich Menschen an einem Ort der Sklaverei bei einem fröhlichen Beisammensein vorzustellen. Andererseits eine Gelegenheit für Begegnungen und Gespräche, sodass die Gedenkstätte am Ende nicht Opfer von Witterung und Zeit wird.
Um auf den Ausgangspunkt dieses Artikels zurückzukommen: Bei meinen Besuchen im ehemaligen Konzentrationslager Neuengamme war ich oft die einzige Deutsche unter den anwesenden Besuchern, doch kein einziges Mal wurde ich vorwurfsvoll oder gar verachtend beäugt. Ich glaube, dass unser Problem von vermeintlicher Schuldzuweisung und „Erblast“ zu einem großen Teil nur in unseren eigenen Köpfen existiert. Die Besuche solcher Gedenkstätten, obgleich der Schrecken einer nicht vorstellbaren Grausamkeit nach wie vor präsent ist, bieten primär die Gelegenheit zum Austausch von Gedanken und Geschichten. Jede Begegnung, und sei sie noch so flüchtig, bringt gleichzeitig die Möglichkeit mit sich, seinen eigenen Horizont durch die Erfahrungen anderer zu erweitern.
Ganz ohne Schuld und Sühne.








ich finde das ist ein sehr guter Artikel
ich fände es toll öfters solche Artikel zu lesen.
Ich hoffe natürlich auch auf neue Lieder aber das ist mindestens genau so gut!
Also ich muss sagen das dieser Artikel sehr gut und auch interessant ist=)
Da ich in dem Altenpflegeberuf arbeite, bin ich sehr oft mit dem 1 und 2 Weltkrieg verbunden da die Seniorinnen und Senioren meist sehr viel über ihre Erinnerungen und Erlebnisse sprechen und diese Gespräche an manchen Tagen auch als Therapie nutzen.
Ich kann nur sagen :
Weiter so! *daumen hoch*
Lg Constanze =) :-*
Ein wirklich sehr guter Artikel. Der beste ,den ich je gelesen habe. Ich habe in der Mittelschule das erste mal Das KZ Buchenwald besucht und habe da noch nicht so richtig diese Grausamkeit realisieren können. Aber jetzt einige Jahre später, finde ich es durch diesesn Artikel, total krass was da abgelaufen ist… Ich werde mir jetzt auf jedenfall noch einmal das KZ anschauen ,nur dieses mal aus einer anderen Sichtweise.
ich finde den artikel auch echt super geschrieben hatte echt tränen in den augen,,,wohne ganz in der nähe vom kz altengamme ja und als ich das erste mal damals mit der schule da war fand ich es schon sehr grausam und auch heute bewegt es mich noch sehr,,,hoffe wir werden noch viele viele solche super artikel lesen können…..
Was ich schade finde ist, dass sich die Juden in Sachen Holocaust ein Monopol errichtet haben. Es gab und gibt viel schlimmere Massenmorde auf dieser Welt… Die juden denken leider immer nur an sich und machen nie auf die vielen anderen Völkermorde aufmerksam, die zum Teil weit mehr Opfer gefordert haben.
Ein Fan den Zetralrats bin ich auch nicht, ich mein, was soll der denn??? Werden Juden etwa immernoch dikriminiert? Nicht das ich wüsste… Es gibt keine andere “Minderheiten Organisation” mit so viel Macht.Wer setzt sich denn für Deutsche interessen ein?! Ausserdem sitzen die meisten Juden irgendwo hinter einem Schreibtisch und besetzten hohe positionen. Haben die Juden denn nichts gelernt? Es sind ja nicht umsonst die Juden, die im Laufe unserer Geschichte masakriert wurden, schon im frühen Mittelalter.
Trotzdem war der Holocaust ein Verbrechen, was sich NIE WIEDER wiederholen sollte. Ich jedoch fühle mich nicht verantwortlich und muss deshalb auch keinem “in den arsch kriechen”. Und wulff… Der kann ja gerne auf ewig bei den juden in der schuld stehen wenn er möchte!
Gruß, Michael
Ich fühle mich auch nicht verantwortlich für das, was damals geschehen ist und hatte auch nach meinen Besuchen im Konzentrationslager nicht das Bedürfnis, jemandem “in den Arsch zu kriechen”.
Meiner Meinung nach ist das Konzept von “ewiger Verantwortung/Schuld” aus deutscher Sicht hausgemacht (sprich, es wird uns aus den eigenen Reihen eingetrichtert), obwohl natürlich auch von jüdischer Seite darauf hingewiesen wird, dass sich solch ein Verbrechen nicht wiederholen dürfe.
Ich hatte den (zugegenermaßen natürlich sehr subjektiven) Artikel geschrieben, da ich denke, dass sich der Umgang an solchen Gedenkstätten ebenso auf Themen in der heutigen Zeit übertragen lassen, wie wir miteinander umgehen, integrieren oder auch diskriminieren. Und das meine ich jetzt nicht nur in Bezug auf “Diskriminieren Deutsche die Minderheit xy”, sondern im Sinne von Wechselseitigkeit.
Ich glaube, für unsere eigenen Interessen müssen als Erstes wir selbst einstehen und dürfen uns nicht auf irgendein Sprachrohr verlassen, das zu weit von den Problemherden entfernt agiert. Wobei es natürlich auch darauf ankommt, was du genau mit “deutschen Interessen” meintest.
Eine Frage hätte ich dann aber noch: Bist du der Ansicht, dass Juden jetzt keine Führungspositionen besetzen sollten, nach dem Motto “Man sieht ja, was dabei rauskommt”?
Hi finde den Atikel sehr gut gellungen und auch wichtig über soetwas zu diskotieren war vor drei Wochen erst selber im Kz Buchenwald.